Über den Wunsch nach Transparenz – und die Angst, Kontrolle zu verlieren.

Kapitel 1 – Die Sehnsucht nach Ordnung – und ihre Illusion

Man spürt überall dieses Unbehagen: KI soll endlich gekennzeichnet werden. Transparent, nachvollziehbar, eindeutig. Menschen wollen wissen, ob das, was sie gerade lesen, „echt“ ist – oder eben maschinell erzeugt.

Doch schon dieser Impuls ist ein Rückfall. Ein Versuch, Komplexität zu sortieren, wo keine einfachen Kisten mehr helfen. Denn wie genau soll das funktionieren?

Ich nutze ChatGPT regelmäßig – manchmal als Notizbuch, als Korrektor, als Aggregator, als Gedanken-Sortierer. Manchmal werfe ich ganze Absätze wieder raus, manchmal bleibt ein Gedanke hängen, den ich selbst nicht besser hätte fassen können. Ist der Text jetzt „von mir“ geschrieben? Oder „von der KI“? Was, wenn ich die generierte Passage anschließend komplett umschreibe? Was, wenn sie nur der Ausgangspunkt war? Der gedankliche Anstoß?

Andere lassen sich von KI das berüchtigte leere Blatt füllen – ein erster Entwurf, eine Struktur, ein Rhythmus. Danach wird radikal überarbeitet, gelöscht, verdichtet. Am Ende erkennt man kaum noch, wo die Maschine begann und wo der Mensch übernommen hat.

Und das ist kein Missbrauch. Das ist Arbeit. Das ist, was kreative Menschen tun: sammeln, verdichten, strukturieren, verwerfen, neu zusammensetzen.

Die Wahrheit ist: Life is a remix.
Ich komme aus einer Künstlerfamilie, ich habe jahrelang Musik gemacht und ein Musiklabel betrieben, mit anderen Musikschaffenden zusammen gearbeitet. Und ich weiß: In der Musik ist das längst akzeptiert! Alles ist Sampling, alles ist Variation. Auch da fragt niemand ernsthaft: „Ist das noch original?“ Sondern: „Berührt es mich? Ist es gut gemacht? Trägt es etwas bei?“

Warum sollte das beim Schreiben anders sein?

Wer glaubt, ein Text sei nur dann „wertvoll“, wenn er ohne jede externe Hilfe entstanden ist, lebt in einer nostalgischen Vorstellung von Autorschaft. So hat noch nie jemand gearbeitet – weder in der Redaktion, noch im Studio, noch in der Werkstatt.

Natürlich könnten wir jetzt anfangen und Kategorien einführen:
„Recherche durch KI“, „Texterstellung durch KI“, „Vermarktung durch KI“.
Aber mal ehrlich: Schreibt ein Schreiner auf seinen Tisch, welchen Hobel er verwendet hat?

Vielleicht sollten wir lernen, damit zu leben, dass gute Texte eben auch Werkstattprodukte sind. Zusammengesetzt aus Intuition, Recherche, Tools – und ja: auch aus maschinellen Hilfen. Und das orginäre Texte ein Märchen sind.

Kapitel 2 – Das Märchen vom originären Text

Es hält sich hartnäckig, dieses Bild vom „echten“ Text: Ein Mensch, allein mit sich und dem weißen Blatt, ausgerüstet mit Intuition und Ausdruckskraft – und irgendwann fließt es, ganz aus dem Innersten, unvermischt, unberührt von fremden Einflüssen.

Wer je ernsthaft versucht hat, einen Text mit Substanz zu schreiben – eine Präsentation, ein Blogartikel, eine präzise formulierte Management-Note –, weiß: So funktioniert es nicht. Noch nie.

Solche Texte entstehen nicht aus einem Guss, sondern in Etappen. Es wird gelesen, notiert, gestrichen, umgestellt, durchgespielt, neu geordnet. Vielleicht klingt ein erster Absatz gut – aber trägt er? Ist der Einstieg klar? Wo fehlt noch Spannung, wo Kontext, wo ein Gedanke? Wer professionell schreibt, weiß: Am Ende ist es ein geformter Text. Kein Impuls, sondern ein Produkt.

KI ändert daran nichts. Sie ersetzt nicht den Prozess – sie verschiebt ihn.
Manche nutzen sie, um Rohmaterial zusammenzutragen. Andere, um einen ersten sprachlichen Rhythmus zu finden. Einige feilen danach stundenlang an ihren Formulierungen, andere lassen sich anregen, um dann ganz neu zu schreiben. So unterschiedlich die Werkzeuge, so individuell bleibt der Zugriff. Und das war schon immer so.

Wer schreibt, der dockt an.
An Bekanntes, an Formen, an Sprache, an Muster.
Ein guter Text entsteht nie im luftleeren Raum. Er braucht etwas, worauf er antwortet. Nur so kann er Resonanz erzeugen.
Oder zugespitzt:
Wer den Kontext ignoriert, braucht auch keinen Text.

Das ist der eigentliche Kern der sogenannten Originalität – nicht dass alles neu ist, sondern dass es auf etwas zeigt, etwas verbindet, etwas sagt.

Und darum ist nicht die Frage entscheidend, ob KI beteiligt war.
Sondern: Was ist das hier eigentlich für ein Text? Will da jemand wirklich etwas sagen? Ist das relevant? Präzise? Nachvollziehbar? Oder ist es bloß ein Echo aus beliebigen Datenresten?

Natürlich kann man mit KI täglich Dutzende Texte erzeugen. Aber Texte, die Bestand haben, entstehen fast nie aus einem einzigen Prompt. Sie entstehen, weil jemand ein Bedürfnis hatte, etwas zu formulieren – und den Aufwand nicht gescheut hat, das auch gut zu machen.

Stellen Sie sich eine Person vor, die nicht rhetorisch geschult ist, keine langen Sätze baut, sich schwertut mit Kommata und Konjunktiven – aber ein klares Gespür dafür hat, was stimmig ist. Was er oder sie meint. Was eigentlich gesagt werden soll.

Wenn dieser Mensch mit Hilfe von ChatGPT seinen Gedanken näherkommt – wenn ein Werkzeug ihm also hilft, das auszudrücken, was er meint, aber bisher nicht in Worte fassen konnte – dann ist das kein Verlust an Autorenschaft, sondern ist eine Form von Befreiung.

Vergleichbar mit dem Moment, als Software es plötzlich möglich machte, Musik zu komponieren auch ohne Musikstudium, ohne Harmonielehre, ohne Zugang zu einem Flügel im Wohnzimmer. Damals rümpften viele Schulmusiker die Nase und ich erinnere mich an meine Schulzeit, als ich versucht habe, ein Referat über elektronische Musik zur Horizonterweiterung im Unterricht einzubringen – und damit auf eine Mischung aus Ablehnung, freundlicher Irritation und leiser Panik vor dem bröckelnden Weltbild im schwäbisch-konservativen Klassenzimmer stieß. Heute ist längst klar: Was zählt, ist nicht die Technik – sondern, ob etwas entsteht, das berührt. 

Warum sollte es beim Schreiben anders sein? 

Wenn jemand mit Hilfe von KI lernt, präziser, stimmiger, klarer zu sprechen – wenn daraus ein Gedanke entsteht, der sonst unformuliert geblieben wäre – dann ist das ein kultureller und menschlicher Fortschritt. Vielleicht liegt der Unmut mancher Professoren weniger an der Qualität der Texte – als daran, dass plötzlich auch andere souverän mitreden können. Und das ganz ohne Latinum. Ich für meinen Teil wünsche mir jedenfalls, dass die KI mich künftig noch besser versteht. Nicht, um mir das Denken abzunehmen, sondern um mir dabei zu helfen, klarer zu sagen, was ich wirklich meine.

Kapitel 3 – Was wirklich hinter dem Wunsch nach Kennzeichnung steckt

Die Forderung, KI-generierte Texte kenntlich zu machen, klingt zunächst vernünftig. Transparenz ist schließlich nichts Schlechtes. Doch bei näherem Hinsehen wirkt das Ganze oft wie eine symbolische Debatte – ein Versuch, mit alten Mitteln auf neue Phänomene zu reagieren. Die eigentliche Frage ist: Was genau soll denn hier eigentlich gekennzeichnet werden?

Ein Text ist ein Text. Wenn er existiert, ist er echt – ganz unabhängig davon, ob er mit oder ohne KI-Hilfe entstanden ist. Die Idee, dass „echt“ gleichzusetzen sei mit „vollständig menschlich erzeugt“, wirkt rückwärtsgewandt. Es gibt einen Autor oder eine Autorin – jemanden, der den Text freigegeben, veröffentlicht oder unterschrieben hat. Damit ist die Verantwortlichkeit gegeben. Das reicht.

Natürlich gibt es Situationen, in denen die Werkzeugfrage sehr wohl relevant ist – etwa bei Prüfungsleistungen, Doktorarbeiten, in journalistischer Recherche oder bei wissenschaftlichen Studien. Hier geht es um die Herkunft von Wissen, um Lernprozesse oder um Vertrauensverhältnisse. Das sind Sonderfälle. Aber für einen Blogartikel, einen persönlichen Text, einen Meinungsbeitrag oder einen Gedankenimpuls gilt: Wenn jemand öffentlich dazu steht, ist das Autorenschaft genug.

Und genau hier liegt der eigentliche Kern: KI macht das Schreiben zugänglicher. Menschen, die früher an sprachlichen Hürden gescheitert wären, finden jetzt Werkzeuge, die ihnen helfen, Gedanken zu sortieren, Sprache zu formen, sich zu äußern. Das ist keine Bedrohung – das ist ein Fortschritt. Wie bei anderen Technologien auch.

Man kann heute Musik machen, ohne ein Instrument zu beherrschen. Oder fotografieren, ohne eine Kameraausbildung. Und das hat nicht dazu geführt, dass plötzlich alle gute Musik oder starke Bilder produzieren – im Gegenteil. Die Werkzeuge haben sich demokratisiert, aber Qualität ist geblieben, was sie immer war: eine Frage von Haltung, von Reflexion, von Handwerk.

Was dabei oft untergeht: Auch bei KI gilt, was überall gilt – shit in, shit out. Wer nur hohle Floskeln liefert, bekommt auch nichts Besseres zurück. Die Technologie ersetzt nicht das Denken. Sie verstärkt es – im Guten wie im Schlechten.

Natürlich gibt es auch Risiken. Besonders dort, wo es um faktische Korrektheit geht: Nachrichten, politische Inhalte, medizinische Ratschläge. KI kann hier als Verstärker für Desinformation wirken. Aber wer absichtlich täuscht, wird seine Absicht auch nicht durch eine ehrliche Kennzeichnung verraten. Das ist eine andere Debatte – eine, die mit Medienkompetenz, Regulierung und Faktenprüfung zu tun hat. Nicht mit Etiketten.

Die Generalforderung, alles KI-basierte als solches zu markieren, wirkt deshalb oft wie ein hilfloser Reflex. So wie man früher das Internet für gesellschaftliche Veränderungen verantwortlich gemacht hat – und nicht das Verhalten der Menschen, die es nutzen. Was man nicht versteht, wird pauschal verdächtigt. Und genau deshalb ist die Idee der Kennzeichnung so populistisch kompatibel: Sie verspricht einfache Lösungen für ein komplexes Phänomen.

Doch Sprache war nie eindeutig und Autorschaft ist keine Frage der Technik. Es geht nicht um die Herkunft des Textes – sondern um die Verantwortung für den Text. Das sollte dann auch wieder für die VG Wort relevant sein.

Kapitel 4 – Haltung statt Herkunft

Wenn über KI-generierte Texte gesprochen wird, kreist die Debatte oft um die Frage: Woher kommt das? Wurde der Text von einem Menschen geschrieben oder von einer Maschine? Und wenn eine KI beteiligt war – wie viel davon stammt noch vom Autor?

Diese Frage führt in die Irre. Entscheidend ist nicht, woher ein Text kommt, sondern ob er etwas taugt. Ist er verständlich? Ist er präzise? Ist er relevant – in seinem jeweiligen Zusammenhang? Oder ist es einfach nur sprachlich aufgeblähtes Blabla? Dann bleibt es Datenmüll. Ganz gleich, ob von Hand geschrieben oder maschinell erzeugt.

Was als „gut“ gilt, hängt stark von der Gattung ab. Eine Bedienungsanleitung braucht andere Kriterien als ein Feuilletontext. Eine Glosse darf ironisch sein, ein Bericht muss belastbar sein. Und selbst ein absurder Text, der keinen erkennbaren Zweck erfüllt, kann seine Berechtigung haben – wenn er etwas erzeugt, das über sich hinausweist: Aufmerksamkeit, Irritation, ästhetischen Reiz.

In der Anfangszeit der Heimcomputer, Ende der 80er, hatten wir einen lauten Nadeldrucker. Ich habe damals als Kind auf dem Bildschirm sinnlose Zeichenfolgen getippt – nur um zu hören, was für ein Klangbild daraus entsteht, wenn der Drucker sie verarbeitet. Es ging mir nicht um Inhalt, nicht um Bedeutung, sondern um das Geräusch – um die musikalische Komposition. Für mich ist das rückblickend eine Blaupause für den künstlerischen Umgang mit KI. Heute könnte man zum Beispiel die Bedienungsanleitung seiner Waschmaschine mit wenigen Klicks in einen fünfhebigen Jambus transformieren lassen – und die KI macht das sogar erstaunlich gut. Ob das sinnvoll ist, lässt sich kaum objektiv sagen. Aber es funktioniert. Und es hat einen hohen Unterhaltungswert, wenn man Sprache nicht nur als Werkzeug betrachtet, sondern als Material.

Natürlich wird das Netz künftig mit Texten überflutet werden, die vor allem eins gemeinsam haben: Sie sind belanglos. Weil es so einfach geworden ist, sie zu erzeugen werden wir mit nicht relevantem Müll beschossen – vor allem dort, wo es ohnehin nie um Substanz ging, sondern um Reichweite. Aber das ist kein neues Phänomen. In der Musik ist es ähnlich. Es gibt Massenware – und es gibt Werke, die bleiben. Bei Fotografie ist es nicht anders. Instagram hat den Zugang geöffnet – aber es gibt trotzdem noch gute Fotografen. Beim Schreiben wird es ähnlich sein. KI nimmt niemandem das Denken ab. Sie erleichtert die Artikulation, aber sie ersetzt nicht das Motiv. Wer nichts zu sagen hat, wird auch mit GPT keinen besseren Text schreiben.

Deshalb ist auch die technologische Herkunft eines Textes kein sinnvolles Kriterium. Nicht das Werkzeug entscheidet über den Wert eines Textes, sondern seine Qualität und der Kontext, in dem er steht. Was wir brauchen, ist keine technische Kennzeichnung, sondern die Fähigkeit, Texte zu beurteilen – mit Sinn für Form, Zweck, Haltung und Relevanz.

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